Unser Newsletter hält dich auf dem Laufenden. Jetzt abonnieren!

5 Fragen an Chris zum Thema Klima-Kollaps

chris gutsche

Ein Thema, das in der Klimabewegung an Bedeutung gewinnt, ist der „Klima-Kollaps“. Auch jenseits der Klimabewegung hört man manchmal „Es ist doch eh schon zu spät.“. Darüber haben wir mit Chris Gutsche, einem wunderbaren Kollengen aus der Klimakommunikations gesprochen.

Wie wahrscheinlich ist ein Klima-Kollaps?

Zuerst einmal stellt sich mir die Frage, was ein Klima-Kollaps eigentlich ist. Ich glaube nicht, dass die Menschheit als Ganzes aussterben wird. Aber das Leben wird härter. Wir haben jetzt schon eine Ausbreitung unbewohnbarer Gebiete, fast überall schwerwiegende Veränderungen des Klimas, der Wasserversorgung und der Landwirtschaft und mehr Extremwetter wie Hitzewellen und Starkregen, die unsere Mobilität einschränken, uns gesundheitlich belasten und Menschenleben kosten, unsere Infrastruktur schädigen und zu Ernteausfällen führen. All das wird noch zunehmen. Und es trifft Menschen mit weniger Privilegien härter als privilegierte Menschen. Und das ist bitter.

Die Frage ist, wie unsere Gesellschaft darauf reagiert. Wird sie ins Autoritäre kippen? Werden staatliche Strukturen zusammenbrechen? Wie sehr weichen Demokratie und Menschenrechte dem Recht des Stärkeren? Je mehr Erdüberhitzung wir haben, desto härter wird es und desto wahrscheinlicher wird ein Kollaps. Aber all das ist weder sicher noch gänzlich auszuschließen. Und diese Unsicherheit müssen wir aushalten. Diese Fähigkeit nennt sich Ambiguitätstoleranz.

Hast du eine Prognose, wie es mit der Erdüberhitzung bzw. der Klimawende voran geht?

Wenn man die aktuellen Klimapolitiken der Länder weltweit als Basis nimmt, ist laut IPCC-Bericht mit ca. 3°C Erdüberhitzung zu rechnen, natürlich mit einer Unsicherheit, insbesondere was die Kipppunkte angeht. Die Erdüberhitzung auf unter 1,5°C zu halten, ist mittlerweile kaum noch möglich. Das haben wir ziemlich sicher verloren. Wir haben aber auch etwas gewonnen: vor 10, 15 Jahren waren wir noch auf einem Kurs in eine 5°C heißere Welt. Dieses Szenario ist mittlerweile auch unwahrscheinlich dank dem Boom der Erneuerbaren und der Erfolge der Klimabewegung. Ich persönlich glaube, dass wir sogar weniger als 3°C Erdüberhitzung kriegen und zwar aus einer techno-ökonomischen Betrachtung heraus: Die Erneuerbaren Energien wachsen exponentiell: jedes Jahr werden mehr Windräder und Solaranlagen gebaut – und zwar nicht aus Idealismus, sondern weil es günstiger ist als fossil-atomare Kraftwerke. Etwas Ähnliches erleben wir bei E-Mobilität und bei Wärmepumpen. Klimaschutz ist aus ökonomischen Gründen weltweit auf dem Vormarsch. Fossile Autokraten können diesen Trend hier und da vielleicht verlangsamen, aber nicht mehr aufhalten. Die Erneuerbaren verdrängen damit die fossil-atomare Energien. Manche behaupten, dass der Energieverbrauch insbesondere durch KI stärker steigen wird als die Produktion Erneuerbaren Stroms. Laut der Internationalen Energie Agentur ist das nicht der Fall. Will heißen: ich erwarte aufgrund des Booms der Erneuerbaren und des Klimaschutzes, dass der globale CO2-Austausch noch dieses Jahrzehnt zu sinken anfängt. Vielleicht haben wir den Wendepunkt sogar schon erreicht.

nature 04 01 klein

Das klingt ja fast schon optimistisch. Hältst du die Sorge um den Kollaps für unberechtigt?

Ja, ich bin zuversichtlich, allerdings ist die Klimawende kein Selbstläufer. Es ist schon gut, dass wir alle schauen, wie wir in unserem Wirkungsbereich möglichst viel bewirken können. Wie gesagt: wir können einen Klima-Kollaps nicht ausschließen, aber sicher ist er eben auch nicht. Diese Unsicherheit sollten wir aushalten. Diese Ambiguitätstoleranz hilft auch, dass Menschen aus und außerhalb der Kollapsbewegung zusammenarbeiten können. Ich halte es in jedem Fall für wichtig, möglichst schnell alle CO2-Quellen abzuschaffen v.a. durch Energiewende und würde die meiste Energie darauf legen. Gleichzeitig müssen wir uns auch um Klima-Anpassung kümmern. Der Aufbau solidarischer Strukturen für den Fall eines Kollapses hilft uns ja auch, falls der Kollaps nicht kommt. Ich halte es für arrogant, das eine gegen das andere ausspielen zu wollen oder mit dem einen oder anderen Recht haben zu wollen. Wir können nicht wissen, was kommt und wir brauchen beides.

Das klingt so, als ob Psychologie und Haltung eine wichtige Rolle spielen?

Ja. Wir schaffen die Klimawende nur gemeinsam. Und das heißt, dass alle demokratischen Kräfte kooperieren (können) müssen – erst recht in Zeiten von zunehmender Desinformation, Polarisierung und Erstarken des Autoritarismus. Und das bedeutet: Wir müssen Vielfalt aushalten und lernen zu kooperieren, auch wenn wir unterschiedlich sind. Im demokratischen Spektrum essen die meisten Menschen Fleisch und gendern nicht. Und das muss man aushalten. Wenn wir wirksam sein wollen, müssen wir kooperationsfähig sein. Dafür setze ich mich auch immer wieder in meinen Trainings ein.

Und zur Psychologie: wir haben alle so genannte kognitive Verzerrungen. Das heißt z.B. dass wir eher glauben, was wir glauben wollen oder was wir öfter hören. Wir sollten also offen dafür sein, dass wir einer eigenen kognitiven Verzerrung auf den Leim gehen. Dagegen helfen Demut, andere Meinungen hören und Fakten. Und dann ist ja noch eine Frage, was Menschen zum Handeln motiviert. Es gibt Menschen, die die Kollapsbewegung zum Handeln motiviert. Es gibt aber auch Menschen, die dieses (nicht sichere) Kollapsszenario in eine Depression stürzt. Weltuntergangs-Erzählungen gab und gibt es mehrfach und ich halte sie in der Regel nicht für geeignet, um Menschen für humanistisches Engagement zu aktivieren. Die meisten Menschen werden durch Hoffnung, durch Handlungsmöglichkeiten und durch eigenes und gemeinsames Handeln und Erfolge motiviert. Darauf setze ich den Fokus. Und ich merke, das gibt auch mir selbst mehr Kraft.

zwei Menschen pflanzen gemeinsam einen kleinen Baum ein

Was meinst du, was sollten wir tun, um die Klimawende schnell voran zu bringen?

Ich finde dafür 3 Punkte zentral: Resilienz, Wirkungsorientierung und Gemeinschaft.
Resilienz meint, dass wir dafür sorgen sollten, dass wir nicht ausbrennen, sondern gesund durch die Klimakrise kommen. Dafür hilft es, die eigenen Kraftquellen zu erkunden und zu pflegen. Dazu gehört auch, im geschützten Rahmen Klimagefühlen Raum zu geben. Dazu gehört Gemeinschaft. Dazu gehören Pausen und dazu gehört Erfolg. Um erfolgreich zu sein, finde ich es sehr wichtig, zu überlegen, wo man gern besonders viel bewirken will. Sich also Zeit dafür nehmen, zu schauen, welches Ziel bei welcher Person bzw. bei welchem Personenkreis erreichen will, um möglichst viel für die Klimawende zu bewirken. Ich glaube, dass bei Konservativen, insbesondere bei Entscheider*innen viel zu holen ist. Und mit Gemeinschaft meine ich zweierlei: einerseits gibt uns Gemeinschaft Kraft und macht uns wirksamer. Andererseits meine ich mit Gemeinschaft auch Kooperation mit Menschen, die anders sind als ich und dafür braucht es Kooperationskompetenz. Ein wichtiger Bestandteil davon ist eine wertschätzende Haltung, die Unterschiede bejaht. Kommunikative Werkzeuge wie Gewaltfreie Kommunikation können dabei auch helfen.
Also: kümmert euch gut um euch, macht euch Gedanken, wo ihr viel bewirken könnt und tut euch mit anderen zusammen!Ich empfehle immer mit der Verwendung eines CO2-Rechners wie websitecarbon.com zu beginnen. Damit kann man grob einschätzen, wie die eigene Website in Sachen Klimaschutz dasteht.
Eine konkrete Maßnahme, die wirklich jeder setzen kann, ist, in Downloadbereichen die Größen der herunterladbaren Dateien anzugeben. Das ermöglicht Nutzer*innen eine informierte Entscheidung darüber zu treffen, ob sie solche Dateien überhaupt herunterladen möchten, und spart im Zweifelsfall Energie. Plus: Barrierefreiheit und Klimaschutz sind im Web Freunde. Was man für die Barrierefreiheit einer Website tun kann, zahlt sich auch für den Klimaschutz aus.

Büchertipps

  • Tadzio Müller: Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben.
  • Christian Jakob: Endzeit. Die neue Angst vor dem Weltuntergang und der Kampf um unsere Zukunft.
  • AusgeCO2hlt: Jenseits von Hoffnung & Zweifel. Gedanken zum Widerstand in der Klimakrise
  • Ingrid Brodnig: Wider die Verrohung.
  • Hans Rosling: Factfulness.
  • Nesibe Kahraman: Alles, was dazwischen liegt.
  • Christian Gutsche: Klimakommunikation mit Wirkung

Hast du noch andere Gedanken, spannende Texte etc. zum Thema Klima-Kollaps? Wir sind gespannt, schreibe uns.

Newsletter abonnieren

Du willst keinen Beitrag mehr verpassen? Dann ist unser Newsletter, was du suchst.

Jetzt abonnieren!