
5 Fragen an... Anne Erwand, Mit-Begründerin des Wohnprojektes Hasendorf
In der Serie "5 Fragen an..." kommen spannende Menschen mit ihren Erfahrungen zum Klimaschutz zu Wort.
Heute stellen wir euch Anne vor, sie ist eine Mit-Begründerin des Wohnprojektes Hasendorf. Das Wohnprojekt Hasendorf ist ein gemeinschaftlich organisiertes, ökologisches Wohnprojekt im Tullnerfeld mit 14 Wohneinheiten. Die Menschen leben hier unter einem Dach, in einem Wohngebäude mit viel Gemeinschaftsfläche außen wie innen, aber auch eigenen Wohn- und Rückzugsorten. Das Gebäude ist rechnerisch energieautark und versorgt sich u.a. mit einer Photovoltaikanlage am Dach. Auch während des Baus und der laufenden Instandhaltung wurde und wird auf Nachhaltigkeit viel Wert gelegt.
Anne, was war deine Motivation eine Baugruppe zu gründen?
Mich hat die Idee fasziniert, eine zukunftsfähige Lebensform zu erproben. Unsere Gegenwart wird immer stärker von Krisen geprägt. Wie können wir leben und wirtschaften, sodass wir diese Krisen besser meistern können und neue Krisen vielleicht gar nicht erst entstehen lassen? Zum Thema „krisenfest“ gehört auf alle Fälle ein stabiles soziales Netzwerk – daher der Gedanke in Gemeinschaft etwas zu erschaffen. Aber eine Gemeinschaft entsteht natürlich nicht über Nacht, sondern bedeutet viel Arbeit. Das habe ich damals etwas unterschätzt. Dann war meine Motivation noch, so ökologisch wie möglich zu leben mit der Option sich regional und biologisch versorgen zu können. Auch das trägt zur „Krisenfestigkeit“ bei und ist außerdem auch ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Wir generieren beispielsweise unseren eigenen Strom und beziehen Gemüse direkt aus der

Gemeinde. Wir sind zwar nicht völlig energieautark, aber können unseren Strombedarf mit unserer Photovoltaikanlage und der lokalen Windkraft decken. Und wir hatten das Glück, dass sich im Zuge des Wohnprojekts auch eine SOLAWI (solidarische Landwirtschaft) in Hasendorf gegründet hat.
Wie gestaltet sich das ökologische und nachhaltige Leben im Alltag? Was sind konkrete Unterschiede zu deinem Leben davor in Wien?
Der größte Unterschied ist sicher die Planung. Ich kann nicht mehr einfach runter zum Merkur gehen, um mir noch schnell etwas zum Essen zu besorgen. Wir haben zwar einen kleinen Bioladen in Hasendorf, aber der ist zu Fuß 10 Minuten entfernt und auch nicht immer offen. Und eine kleine Food*Coop gibt es auch im Haus. Trotzdem fallen immer wieder Dinge an (Lebensmittel, Drogerieartikel etc.) die man eben nicht schnell nachkaufen kann. Statt „schnell runter zum Merkur“ plane ich also jetzt meinen Wocheneinkauf im Voraus und kaufe dann einmal in der Woche ein. Das passt auch mit der wöchentlichen Abholung unseres Ernteanteils bei der Food*Coop zusammen. Und diese langfristigere Planung gilt natürlich auch für andere Lebensbereiche – Freunde treffen, Kulturveranstaltungen, Ärzt*innenbesuche – all das will früher geplant sein. Auch haben nicht alle von uns ein Auto und viele Dinge sind nur mit dem Auto zu erreichen – und darum muss man sich rechtzeitig darum kümmern z.B. ein Auto aus dem CarSharing Pool auszuleihen. Und auf alle Fälle esse ich so viel Gemüse und vor allem Salat wie nie zuvor in Wien. Das bietet sich natürlich an, wenn man einmal die Woche alles frisch vom Feld bekommt.
Was sind die Vorteile am Leben im Wohnprojekt? Was sind dabei die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung für mich persönlich ist das soziale Miteinander. Wir sind soziokratisch organisiert – treffen also keine Mehrheitsentscheidungen, sondern diskutieren die offenen Fragen und Themen aus. Wenn man dagegen ist, kann man einen Einwand formulieren, muss aber immer einen Alternativvorschlag bringen. Das hat schon in vielen Fällen zu sehr tollen und kreativen Lösungen geführt. Oft aber auch dazu, dass Entscheidungen sehr langsam getroffen und Diskussionen auch mühsam werden können. Nicht selten kommen dann noch zwischenmenschliche Dynamiken und Emotionen mit rein, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben. Das bietet aber auch Raum, um viel über sich selbst zu lernen. Es setzt aber unbedingt die Bereitschaft zur persönlichen Weiterentwicklung und kritischen Selbstreflexion voraus. Wir sind mit der Anspruchshaltung

hineingegangen, dass wir eine Gemeinschaft sind. Allerdings braucht eine Gruppe sehr lange bis sie zu einer Gemeinschaft geworden ist. Da sind wir immer noch am Weg, auch 6 Jahre nach der Vereinsgründung noch. Im Großen und Ganzen funktioniert es aber immer besser. Vorteile gibt es tatsächlich viele, vor allem für Menschen mit Kindern. Die gegenseitige Unterstützung ist hier groß und für die Kinder ist es ein Paradies in Hasendorf. Bei uns im Haus gibt es inzwischen 16 Kinder zwischen 1 und 13 Jahren. Und auch für ältere Menschen ist es sehr fein nicht allein zu leben, gerade wenn die Kinder oder Enkelkinder weiter weg leben oder gar nicht vorhanden sind. Ein großer Vorteil ist auch die Möglichkeit, sich so lokal versorgen zu können, wie es mit unserer solidarischen Landwirtschaft in Hasendorf möglich ist.
Würdest du wieder eine Wohngruppe gründen? Welche Tipps gibst du Hallo Klima! Freund*innen mit auf den Weg, die vielleicht ähnliches realisieren möchten?
Ja, ich würde es wieder tun – aber kein zweites Mal. Denn die Aufbauarbeit ist sehr anstrengend und zeitraubend. Das kann ich wirklich nur Menschen ohne Kinder und mit Teilzeitstelle empfehlen. Aber ich will niemand entmutigen – wenn die Gruppe groß genug ist und es einige Leute gibt, die viele Ressourcen habe, ist es auch möglich mit weniger Aufgaben mitzutun und den Aufbauprozess zu unterstützen. Es braucht aber gerade zu Beginn mindestens zwei, drei Leute die wirklich viel Zeit und Energie investieren. Zu viele sollten es aber auch nicht sein. Es ist gut, wenn eine kleine Gruppe (oft hört man die ideale Anzahl sei drei Personen) von Gründer*innen das Projekt startet und bereits die Rahmenbedingungen festlegt: In welche Richtung soll es gehen? Wo wollen wir bauen? Was sind die Grundpfeiler unserer Vision? Wie wollen wir uns organisieren? Wie tun wir mit den Finanzen? etc. Auch ganz wichtig: Von anderen Wohnprojekten lernen! In den Austausch gehen – niemand muss Wohnprojekte von Grund auf neu erfinden. Da gibt es schon vielen Erfahrungen. Und auch Netzwerke, an die man sich wenden kann – z.b. die WOGEN oder die Initiative Gemeinsam Bauen und Wohnen.
Und zum Schluss: Nachhaltiges Leben im Alltag und nachhaltiges Wohnen, zwei große Bereiche. Wie können wir hier deiner Meinung nach vom Denken ins Tun kommen?
Klingt voll abgedroschen: Aber einfach tun – nicht zu viel nachdenken. Wenn ich damals gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich mir das Gründen vielleicht nochmal überlegt. Es ist so wichtig und essentiell zu träumen. Positive Zukunftsvisionen zu haben. Gar nicht so viel darüber nachzudenken, was alles schief gehen könnte. Sondern lieber ins Schwärmen zu kommen, was alles möglich sein könnte. Und unbedingt: Mitstreiter*innen suchen! Wie schon gesagt, zwei bis drei Leute sind ideal für den Anfang eines Projekts. Und gemeinsam träumt es sich sowieso am besten.

Du möchtest mehr erfahren?
Wenn du an weiteren Informationen rund um Wohnprojekte interessiert bist oder mit Anne direkt in Kontakt treten magst, dann bringen wir euch gerne zusammen. Schreib uns unter verein@halloklima.at.
Für alle Fotos gilt das © Wohnprojekt Hasendorf.
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